Ruhestand?! Die Segel neu setzen

Fit im Alter

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Eine Veranstaltungsreihe zu Aspekten
des Übergangs

Die Evangelische Kirchengemeinde Lorch und Weitmars, in Kooperation mit der Evangelischen und Katholischen Erwachsenenbildung im Ostalbkreis, lädt alle Interessierte zu einer Veranstaltungsreihe zum Thema Übergang von der beruflichen in die nachberufliche Lebensphase ein.
Bis zum Sommer 2019 werden in mehreren interessanten Veranstaltungen verschiedene Aspekte der Veränderungen in dieser Lebensphase beleuchtet.

Zu den Abenden sind alle Menschen eingeladen, die sich hierzu Gedanken machen und mit anderen Menschen austauschen möchten, egal welchen Alters, Herkunft, Konfession oder Wohnort.
Die Abende sind bis auf den Kinoabend im Kino Brazil in Schwäbisch Gmünd kostenlos und können ohne Anmeldung besucht werden.

Näheres zu den einzelnen Veranstaltungen entnehmen Sie bitte dem Informationsblatt.
Weitere Informationen bei Gemeindediakon Hartmut Wohnus, Diakonatdontospamme@gowaway.evkirche-lorch.de oder Tel.: 07172 91 95 49 oder bei der Evangelischen oder Katholischen Erwachsenenbildung in Aalen.

© Ulla Reyle

„Ein Gespür dafür entwickeln, wo der Wind herkommt“

Die Tübinger Gerontologin Ulla Reyle kommt für einen Vortrag auf die Ostalb. Wir sprachen vorab mit Ihr über Loslassen, Neue Rollen im Alter und die Erfahrung, sich jünger zu fühlen, als man ist.

Frau Reyle, als Wissenschaftlerin beschäftigen Sie sich mit dem Älterwerden. Ab wann ist man alt?
Also in der Wissenschaft rückt der Mensch ab 40 in den Fokus. Ab dann gibt es stärkere Veränderungen, im körperlichen, aber auch im kognitiven und psychischen Bereich. Das merken ja viele Menschen, da verändert sich etwas. Zahlreiche  Menschen bekommen einen größeren Überblick über Lebensthemen und wir wissen, dass vielen Menschen auch neue Formen von Verbundenheit, Empathie und Mitgefühl entwickeln. Dann steht mehr das Miteinander im Zentrum, als nur die Sorge für sich selbst.

In Ihrem Vortrag geht es um das Loslassen, um mit guten Gefühl in die neue Lebensphase zu starten. Zu was sollte man denn die Hände frei haben?
Loslassen bedeutet, in Bewegung zu bleiben, nicht im Bisherigen zu erstarren.  Beim Übergang in den Ruhestand geht es darum, bisher vertraute Rollen loszulassen. Das betrifft vor allem Männer, die private Kontakte meist weniger pflegen als Frauen. Auch für Paare ist das eine Herausforderung, weil dann Aufgaben und Zuständigkeiten neu verteilt werden müssen. Darin liegt aber auch eine große Chance, wenn es gelingt, diese Themen anzugehen. Dann können Frauen, Männer, Paare wirklich die Hände frei bekommen für ganz neue Erfahrungen, beispielsweise im generationenübergreifenden Engagement, im Ehrenamt oder als Senior-Expert*in.

Ihr Vortrag ist Teil einer Reihe die heißt Die Segel neu setzen. Segeln Sie gerne?
(lacht) Nein, ich segele nicht. Ich finde das Bild aber sehr treffend, weil beim Segeln muss man ein Stück weit ein Gespür entwickeln für das, wo der Wind herkommt. Auch ein Kompass hilft, um sich in der neuen Lebensphase zu orientieren.

An welchen Koordinaten kann man sich denn im Alter ausrichten?
Wichtige Koordinaten findet man z.B. in den Ergebnissen der „Hundertjährigen-Studie“ der Universität Heidelberg. Diese hat überdeutlich gezeigt, dass Menschen auch im sehr hohen Alter dann am glücklichsten sind, wenn sie ein Lebensgefühl der Dankbarkeit, der Verbundenheit mit anderen und der gesellschaftlichen Teilhabe entwickeln und erfahren konnten.

Ist es irgendwann zu spät, etwas Neues anzufangen?
Zu spät nicht, aber es kann mühsamer werden oder sogar die eigenen Kräfte überfordern. Die Wohnraum¬anpassung ist ein gutes Beispiel. Wenn man die bisherige, vielleicht zu groß gewordene Wohnung verlässt, braucht es viel Kraft für diesen Abschied und den Neuanfang im neuen Umfeld. Für manches aber ist es nie zu spät, vielleicht für eine neue Liebe?

Viele fühlen sich jünger, als der Pass sagt. Wie kommt das?
(lacht) Ja, manche Menschen sind erstaunt, wenn sie z.B. ihren 60. Geburtstag erleben und sich gar nicht so fühlen. Wir leben mit den Altersbildern unserer Eltern und Großeltern, die mit der heutigen Realität nicht mehr übereinstimmen. In der Gerontologie sprechen wir von einer „Verjüngung“ des Alters, die mit verbesserten Rahmenbedingungen im Bereich der Bildung und der medizinischen Versorgung zusammenhängt.  Unsere Eltern und Großeltern waren mit 60 viel „älter“, als wir es heute sind.

Vortrag: Wer los lässt, hat die Hände frei! – Mit gutem Gefühl in die neue Lebensphase, Donnerstag, 14. Februar 2019, 18:00 Uhr, Gasthaus Echo, Im Echo 20, 73547 Lorch, Eintritt frei.   

Pressebericht zum Vortrag von Ulla Reyle am 14. Februar 2019

Herausforderungen und Chancen in der nachberuflichen Lebenszeit
Die Gerontologin Ulla Reyle spricht in Lorch über das Thema Ruhestand

Von Ruhestand will sie nicht reden, lieber ist ihr der Begriff „nachberufliche Lebenszeit“. Die Tübinger Gerontologin Ulla Reyle sprach darüber im gut besuchten Restaurant Echolot in Lorch. Sie unterstrich zunächst die verschiedenen Hintergründe, die mit jedem Lebensjahrzehnt einhergehen. So haben die 68er bspw. andere Voraussetzungen alt zu werden als die sog. Babyboomer. Die Herausforderungen im Alter liegen Reyle zufolge auf drei Ebenen: Körperlich, psychisch und soziale Veränderung (gerade mit dem Wegfall der beruflichen Kontakte). Neben den – zum größten Teil bekannten - körperlichen Veränderungen spielt der Umgang damit, die Psyche, eine entscheidende Rolle: „Wer weich auf Veränderungen reagieren kann, bricht weniger leicht unter der Schneelast als ein starrer Baum“, erklärt Reyle mit einem Baumbild. Bis zum 70. Lebensjahr solle man drei wesentliche Weichenstellungen vornehmen. Zunächst, ganz praktisch gesehen, die Wohnraumanpassung. Eine barrierefreie Wohnung sowie eine rechtzeitige Verkleinerung (und Entrümpelung!) erleichtern das Älterwerden. Außerdem ist die Bildung eines „sozialen Konvois“ wichtig. Das meint vor allem Kontakte zu Freunden und Nachbarn pflegen und neue Kontakte aufzubauen. Und zuletzt – als ein Zeichen reifer Elternliebe - eine rechtzeitige Absprache mit den Kindern, was bei Eintritt der eigenen Pflegebedürftigkeit geschehen soll. Dabei berichtet die Referentin auch sehr persönlich von ihrer Absprache mit ihren Kindern, die sie von der körperlichen Pflege entpflichtet hat. Viel wichtiger als die Pflege des Körpers sei die Begleitung der Seele. Durch diese Weichenstellungen – gerade auch im Bereich der sozialen Konvois – ergeben sich eine Vielfalt an Möglichkeiten. Dabei spielt die ausgewogene Balance zwischen einem als sinnvoll erlebten Engagements in gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Selbstfürsorge eine große Rolle. Was kann ich tun, was mir Freude bereitet? Wie kann ich gut für meinen Körper und meine Seele sorgen? Menschen, denen diese Balance gelingt, berichten von einer hohen Lebenszufriedenheit im Älterwerden. Es gehe um die Bereitschaft zu lernen, sich auf die Veränderungen im Alter anzupassen: „Wer los lässt, hat die Hände frei!“

Artikel: Henrik Althöhn